pointer.gif (173 Byte) Es handelt sich bei Homophobie also um eine irrationale, weil sachlich durch nichts zu begründende Angst vor homosexuellen Menschen und ihren Lebensweisen. Daraus entstehende Vorurteile und Zerrbilder, bis hin zu Ekel und Hassgefühlen rufen wiederum Ängste und infolgedessen antihomosexuelle Aggression und Gewalt hervor.

Homophobie ist jedoch keine phobische Störung im klinisch-psychologischen oder medizinischen Sinne, sondern – aus tiefenpsychologischer Sicht – eine meist unbewusste Angst vor der Infragestellung der eigenen Identität. Diese Angst hat hintergründig mit den Lebensrealitäten von Lesben, Schwulen, Bisexuellen nichts zu tun, sondern verweist auf die Unsicherheiten der AggressorInnen selbst. In Bezug auf gleichgeschlechtlich Empfindende handelt es sich um eine Angst im Umgang mit der eigenen heterosexuellen Identität; d.h. der Angst vor den eigenen homoerotischen Anteilen, der Angst vor der Tatsache, dass Lesben die männerdominierte Gesellschaftsstruktur und Schwule patriarchale Männerbilder in Frage stellen, der Angst, dass Lesben eine selbstbestimmte weibliche Sexualität einfordern und Schwule der Sexualität an sich einen Sinn geben (im Sinne von Sexualität als Genuss und nicht nur in Bezug auf die Fortpflanzung), der irrationalen Angst, dass Lesben und Schwule die traditionelle Ehe ins Wanken bringen… Homophobie wird in den Sozialwissenschaften zusammen mit Phänomenen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus unter den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gefasst.


dot.gif (62 Byte) Was ist Heterosexismus?
Die sich in Bürgerrechtsbewegungen organisierenden Lesben und Schwulen haben den Begriff Homophobie jedoch bald mit dem Begriff „Heterosexismus“ ergänzt, um damit – in Parallele zu Begriffen wir Rassismus und Sexismus – auf eine ausgrenzende soziale und kulturelle Ideologie und auf die institutionelle Unterdrückung nicht-heterosexueller Menschen und ihrer Lebensweisen hinzuweisen.

Unter Heterosexismus verstehen wir ein gesellschaftlich institutionalisiertes Denk- und Verhaltenssystem, welches Heterosexualität anderen Formen sexueller Orientierung als überlegen klassifiziert und jede nicht-heterosexuelle Form von Identität und Verhalten ablehnt und stigmatisiert. In unserer Kultur stellt Heterosexismus eine meist unreflektierte, omnipräsente Art gesellschaftlicher Umgangsform dar, in der von frühester Kindheit an alle Menschen aufwachsen und der sich kaum jemand entziehen kann. Dieser Heterosexismus zeigt sich in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen: in Familie, Kindergarten, Schule, Kirchen, Religionen, Universitäten und Ausbildungsstätten, am Arbeitsplatz, in den Medien, in Werbebotschaften, oder auch in der Wissenschaft und wird in den allermeisten Fällen nicht hinterfragt. So erfahren sich lesbisch, schwul oder bisexuell entwickelnde Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene kaum etwas über Alternativen zum allgegenwärtigen heteronormierten Lebensentwurf.

Heterosexismus ist ein Thema, welches sich für gleichgeschlechtlich Empfindende tagtäglich stellt, so müssen sie sich z.B. ständig damit auseinandersetzen, dass sie den heteronormierten Rollenerwartungen nicht entsprechen. Vor einem Coming-out bedeutet dies eine stetige Aushöhlung der eigenen Identität. Zwangsläufig werden von Lesben, Schwulen und Bisexuellen heterosexistische Wertvorstellungen verinnerlicht, was sich bei Ihnen natürlich besonders selbstdestruktiv auswirkt, da es ihrem psychischen Erleben schlicht widerspricht. Ein typisches Beispiel für heterosexistische Denkweisen ist die durch nichts zu begründende Annahme, dass zwei Frauen miteinander keine befriedigende Sexualität leben können, da ihnen „das männliche Geschlechtsteil fehle“. Dies ist nicht nur eine massive Abwertung lesbischer Sexualität, sondern auch eine Einengung des Sexualitätsbegriffs nach dem Motto: „befriedigende Sexualität ist nur durch Penis-Penetration möglich“.

Laut derzeitigen humanwissenschaftlichen Erkenntnissen ist Sexualität weit mehr als bloß Genitalität. Sie zeigt sich unter vielen verschiedenen Ausdrucksformen: der Wunsch, in den Armen gehalten zu werden; jemanden küssen; liebkost werden; einander begehren; lustvoll genießen; Kinder zeugen und in die Welt setzen; sich gegenseitig Zuneigung und Anerkennung schenken; sich aneinander und am Leben freuen; sich mit Kraft und Eifer für etwas einsetzen, etc.

Die sozialen Auswirkungen des Heterosexismus zeigen sich in verschiedenen Formen antihomosexueller Gewalt: z.B. in Form von manifester physischer und juristischer, vor allem aber psychischer Gewalt. Gleichgeschlechtlich Empfindende tragen ein hohes Risiko, Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden. Die verschiedenen Formen heterosexistischer Gewalt müssen als gestörte Verhaltensweisen bezeichnet werden, die gleichgeschlechtlich, bisexuell und transident empfindende Menschen in der Entfaltung und Entwicklung ihres persönlichen Lebensentwurfes massiv beeinträchtigen. Psychische und psychosomatische Störungen sind nicht selten die Folge.


dot.gif (62 Byte) Und was ist Heteronormativität? Heteronormativität beschreibt ein streng dichotomes Geschlechtersystem, in welchem lediglich zwei Geschlechter als zwei Gruppen, die sich gegenseitig ausschließen, akzeptiert sind. Das jeweilige Geschlecht wird mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung gleichgesetzt.

Heteronormativität als ausschließliches Denk- und Verhaltenssystem zwängt die Geschlechter in starre Korsetts, verhindert die innerpsychische Entwicklung (z.B. Intersexualität, Transsexualität), die Entfaltung der individuellen Gesamtpersönlichkeit und die Wahrnehmung der unterschiedlichen Entwicklungsvarianten und Ausdrucksformen der einen menschlichen Sexualität – nach dem Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“

Ein Beispiel: Alle namhaften Langzeitstudien zeigen auf, dass sich Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften genauso entwickeln und entfalten wie vergleichbare Kinder aus heterosexuellen Partnerschaften. In Bezug auf Empathie gegenüber anderen Menschen und Gleichberechtigung in der Partnerschaft lassen sie sogar eine größere Sensibilität erkennen. Lesbische Mütter und schwule Väter sind also in gleicher Weise befähigt, Kinder zu erziehen, wie heterosexuelle Eltern.


dot.gif (62 Byte) Heteronormatives Geschlechtermodell

Geschlechts-
Merkmale
Geschlechts-
Identität
Verhalten Sexuelle
Orientierung
Elternschaft
Frauen weiblich weiblich weiblich begehrt männliche Partner Mutter
Männer männlich männlich männlich begehrt weibliche Partnerinnen Vater

Vgl. wikipedia.de.

Homophobie und antihomosexuelle Gewalt ist die logische Konsequenz eines
heterosexistischen Weltbildes und der daraus resultierenden Heteronormativität.

 

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pointer.gif (173 Byte) Je nach Ausprägung reicht Homophobie von Zerrbildern und Vorurteilen über die ausgeprägte Aversion von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und die Befürwortung von Diskriminierungen und/oder staatlichen Repressionen gegen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen bis hin zu äußerstem Hass und körperlicher Gewalt. Es sind nicht wenige Fälle bekannt, in denen Homosexuelle nur wegen ihrer sexuellen Orientierung ermordet wurden. In einigen Staaten ist die Tötung von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen sogar staatlich organisiert (in fünf islamischen Ländern sieht die Scharia die Todesstrafe für schwule Männer vor). In allen westlichen Industrieländern (u.a. in Europa, den USA und Kanada) sind „homosexuelle Handlungen“ hingegen straffrei.

Dennoch ist die Tatsache, dass homophobe Haltungen in der Gesellschaft immer noch stark manifestiert sind, nicht von der Hand zu weisen. Betrachtet man beispielsweise die Ergebnisse einer Untersuchung von Bochow[2] (1993) in Deutschland, so wird evident, dass von 2222 Deutschen ein Drittel als stark schwulen- bzw. lesbenfeindlich eingestuft werden kann, ein weiteres Drittel ist ambivalent, d.h. zwar nicht durchgängig antihomosexuell, aber keinesfalls frei von ablehnenden oder klischeehaften Einstellungen, und höchstens ein Drittel der Deutschen ist relativ frei von antihomosexuellen Einstellungen.

Die weit verbreitete These, dass diese homophoben Einstellungen vor allem durch Abwehr eigener schwuler oder lesbischer Anteile verursacht werden, wird durch eine Untersuchung von Adams et al.[3]  (1996) gestützt, an der ausschließlich sich selbst als heterosexuell bezeichnende Männer teilnahmen. Die Probanden wurden nach Beantwortung eines Fragebogens in homophob und nicht homophob unterteilt und hatten anschließend Videos, die sexuelle Handlungen zwischen Männern zeigten, zu betrachten. Dabei wurde festgestellt, dass 54% der homophoben Probanden durch das Betrachten dieser Videos sexuell eindeutig erregt wurden (zum Vergleich: 24% der 29 nicht homophoben Probanden). An der Untersuchung nahmen insgesamt 64 Männer teil, die sich alle selbst als heterosexuell bezeichnet hatten.

dot.gif (62 Byte) Erektion kaum mäßig eindeutig
homophobe Männer 10% 36% 54%
nicht homophobe Männer 66% 10% 24%

Diese Untersuchungsergebnisse kann man dergestalt interpretieren, dass homophobe Einstellungen mancher Männer auch dadurch entstehen, weil sie sich mit eigener sexueller Erregung durch Männer nicht auseinandersetzen wollen.

Insgesamt lässt sich unter Erwachsenen in Europa im letzten Jahrzehnt feststellen, dass Homophobie in der Gesellschaft aufgrund der Veränderungen in der Darstellung in Medien und verschiedener Aufklärungskampagnen, der Visualisierung von homosexuellen PolitikerInnen und homosexuellen Menschen / Paaren im Alltags- und Berufsleben sowie der teilweise geänderten Gesetzeslage und Rechtsprechung im Zurückgehen ist.

Dennoch ist Homophobie – wie eh und je – in all ihren Facetten omnipräsent. Antihomosexuelle Gewalt hat viele Gesichter:

dot.gif (62 Byte) verbale Gewalt in Form von Beleidigungen, Schwulen- / Lesben-„Witzen“ und Entwertung der Lebensform und Sexualität (z.B.: „Eine Lesbe hatte einfach noch keinen richtigen Sex mit einem Mann!“, „Schwule sind nicht beziehungsfähig!“ u.a.m.)
dot.gif (62 Byte) psychische Gewalt wie Erpressung (z.B. mit Outing), „Psychoterror“ („Homosexuelle sind krank und pervers!“), Drohungen, Verleugnung offen gelebter Homosexualität (nach dem Motto: „Ich bin ja dafür, dass Sie dürfen - aber bitte nicht öffentlich!“, „Man muss ja nicht darüber reden!“ etc.)
dot.gif (62 Byte) offene physische Gewalt, sexuelle Gewalt (Nötigung, Vergewaltigung etc.)
dot.gif (62 Byte) berufliche Gewalt in Form von Mobbing, Zurücksetzen von Beförderungen am Arbeits- oder Ausbildungsplatz
dot.gif (62 Byte) strukturelle Gewalt durch Versicherungs- oder Gesundheitssysteme
dot.gif (62 Byte) materielle Gewalt (wie Sachbeschädigung, Diebstahl, Raub, etc.)
dot.gif (62 Byte) rechtliche Gewalt (exekutiv oder juristisch, z.B. die Verweigerung der rechtlichen Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Adoption von Kindern, etc.)
dot.gif (62 Byte) religiöse und / oder kulturelle Gewalt („Homosexuelle Handlungen sind eine Sünde!“)
dot.gif (62 Byte) „mediale Gewalt“ (die Darstellung in den Medien ist keine direkte Form der Gewalt, jedoch eine teilweise absichtlich verzerrte Darstellung gleichgeschlechtlich Empfindender zur Bedienung eines Stereotyps)

All diese Formen antihomosexueller Gewalt sind noch immer vorhanden, und ihnen muss durch eine verstärkte Aufklärungs- und Bildungsarbeit - basierend auf den heutigen humanwissenschaftlichen Kenntnissen und einer kritischen Analyse der Heteronormativität - begegnet werden. Dazu müssen bestehende Vorurteile aufgedeckt und mit der Realität gleichgeschlechtlicher Lebensweisen konfrontiert, sowie homophobe Gewaltformen sichtbar gemacht werden.

 

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dot.gif (62 Byte) Sozialpsychologische Perspektive: Aus Sicht der Sozialpsychologie ist das soziale Erlernen von in der Sozialisation vermittelten Vorurteilen und Stereotypen Ursache für Homophobie. Dabei werden Vorurteile und Erwartungshaltungen der sozialen Umwelt oft gedanken- und kritiklos übernommen. Sind sie dann einmal vorhanden, verstärken sie sich laufend selbst, indem man an gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen genau das wahrnimmt, was dem Stereotyp entspricht. Weiters verstärkt werden derartige Stereotype auch durch die Medien. So bekommen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen seit geraumer Zeit zwar Platz in den Medien, werden jedoch meist verzerrt und/oder falsch dargestellt. Allseits bekannt dürften die Bilder der männlichen „Tunte“ oder des weiblichen „Mannweib“ sein, die stets gegenüber heterosexuellen Charakteren benachteiligt werden, beispielsweise indem sie Single bleiben, sterben oder doch nicht homosexuell waren. Diese verzerrte mediale Darstellung führt oftmals dazu, dass weitere Stereotype oder diskriminierende Bilder erzeugt und/oder verinnerlicht werden.

dot.gif (62 Byte) Tiefenpsychologische Perspektive: Die Anfälligkeit für diesen sozialpsychologischen Mechanismus ist nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt. Aus der Sicht der Tiefenpsychologie „dient“ Homophobie der Abwehr von (nicht immer direkt spürbaren) Ängsten. Und das umso stärker, je geringer das Selbstwertgefühl, die soziale Integration sowie die soziale Lage des diskriminierenden Menschen ist. Die Tiefenpsychologie benennt folgende unbewussten Ängste und Bedürfnisse, die mithilfe von Homophobie aus dem Bewusstsein ferngehalten werden:

dot.gif (62 Byte) Angst vor eigenen homosexuellen Anteilen: Sie ist einer der wesentlichen Gründe für Diskriminierungen homosexueller Menschen. Dafür sprechen auch Untersuchungen mit rechtsextremen Jugendgruppen, die Gewalt gegen schwule Männer ausüben und sich betont hart und männlich geben. Unterschwellige homoerotische Tendenzen, die es in solchen Männerbünden auch gibt, wecken bei diesen Jugendlichen eine Angst vor der eigenen Homosexualität. Die Angst hat also hintergründig nichts mit den angegriffenen Individuen bzw. Gruppen zu tun, sondern verweist auf die Unsicherheiten der AggressorInnen selbst.

In Bezug auf gleichgeschlechtlich Empfindende handelt es sich also um eine Angst im Umgang mit der eigenen heterosexuellen Identität, wobei es oft gar nicht so sehr um eigenen homosexuellen Anteile geht, sondern um die immer auch vorhandenen passiv-rezeptiven Anteile, die fälschlicherweise - entsprechend einem heteronormativen Denksystem - als Weiblichkeit verstanden werden, und diese wiederum fälschlicherweise als Homosexualität. Der Angst vor eigenen homosexuellen Anteilen liegt aber oft eine noch größere Angst zugrunde, nämlich die Angst, emotional berührt zu werden. Die Hypothese Frauen seien weniger homophob und hätten weniger Angst vor Homosexualität, basiert auf der Sichtweise der heteronormen Gesellschaft, die der lesbischen Sexualität keine „Vollwertigkeit“ – im Sinne von nicht sexuell befriedigend – zuschreibt. Genau aus dieser „Unvollständigkeit“ heraus werden homoerotische Anteile als weniger bedrohlich in Bezug auf einen heterosexuellen Lebensentwurf wahrgenommen.

dot.gif (62 Byte) Angst vor sozialer Unsicherheit und Streben nach Macht: Menschen in einer sozio-ökonomisch schwierigen Lage übernehmen eher allgegenwärtige (heterosexistische) gesellschaftliche Normverstellungen, da der Einklang mit solchen Normverstellungen einerseits Sicherheit vermittelt und homosexuelle Menschen andererseits eine vermeintlich noch schwächere Gruppe darstellen.

dot.gif (62 Byte) Verschiebung: Da homosexuelle Menschen durch ihre sexuelle Orientierung und zum Teil durch ihre Lebensweisen Normen in Frage stellen, werden sie oft in eine Außenseiterposition gedrängt. In dieser Position passiert es oft, dass Aggressionen, die eigentlich Autoritäten gelten, auf sie, die vermeintlich Schwächeren bzw. Minderheit gelenkt werden. Derartige Aggressionen können aber auch schnell auf andere Minderheiten verschoben werden, beispielsweise auf MigrantInnen.

dot.gif (62 Byte) Angst vor der Infragestellung zentraler Normvorstellungen: Homosexuelle Orientierungen und ein offen homosexuelles Leben fordern tradierte, konservative gesellschaftliche Normvorstellungen heraus. Aus sozialpsychologischer Sicht haben Menschen die Tendenz, auf ungewohnte Verhaltensweisen mit Verunsicherung und Aggressivität zu reagieren. Hinzu kommt, dass man jene Menschen, die von den Regeln abweichen, nicht nur verachtet, sondern oftmals auch unbewusst um ihren Freiraum beneidet.

dot.gif (62 Byte) Angst vor dem „Angriff“ auf die traditionelle Familie: Dass zwei Lesben oder zwei Schwule intim und partnerschaftlich zusammenleben, ist ein Affront aus Sicht jener Menschen, die sich als einzige Form des Zusammenlebens die von Mann und Frau vorstellen können. Zwar pflegen heutzutage auch heterosexuelle Paare oft nicht die traditionelle Rollenhierarchie einer Kleinfamilie, sie wird aber durch homosexuelle Paare sichtbarer in Frage gestellt. Männer in einer Partnerschaft mit traditioneller Rollenverteilung fühlen sich häufiger als Frauen davon bedroht, dass in homosexuellen Beziehungen die Rechte und Pflichten immer wieder neu ausgehandelt werden müssen, und es dadurch keine festen Machtpositionen gibt.

dot.gif (62 Byte) Angst vor Infragestellung des Männlichkeits- / Weiblichkeitsideals: Es geht hier nicht primär darum, dass sich manche schwulen Männer effeminiert („feminin“) verhalten, sondern darum, dass sie oft auch „weiche“ Seiten (Gefühle zeigen, sich emotionale Unterstützung holen, etc.) leben, die sich viele heterosexuelle Männer nicht erlauben, obwohl sie diese gleichermaßen besitzen. Zudem fühlen sich jene heterosexuellen Männer, deren Verhältnis zu anderen Männern hauptsächlich von Rivalität geprägt ist, oft davon provoziert, dass ein schwuler Mann mit einem anderen Mann intim verbunden ist.

Ähnlich verhält es sich bezüglich des Weiblichkeitsideals. Lesbische Frauen werden oft von heterosexuellen Frauen als „Mannweiber“ bezeichnet, weil diese auch „typisch männliche“ Seiten leben, die sich vor allem am traditionellen Rollenbild orientierte Frauen nicht auszuleben erlauben, obwohl möglicherweise der Wunsch dazu vorhanden wäre. Der Glaube, dass Geschlechterrollen und Weiblichkeit bzw. Männlichkeit durch Homosexualität in Frage gestellt werden, führt zu einer Verunsicherung dieser Frauen bzw. Männer, die sie sich aber nicht eingestehen, sondern durch Abwertung gleichgeschlechtlich empfindender Frauen bzw. Männer abwehren.

 

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pointer.gif (173 Byte) Die Auswirkungen, die Heterosexismus und Homophobie auf gleichgeschlechtlich empfindende Menschen haben können, sind mannigfaltig und besonders einschneidend. Insbesondere vor einem Coming-out stellen die von Lesben, Schwulen und Bisexuellen in den eigenen Innenraum aufgenommenen heterosexistischen und homophoben Bilder, Gefühle und Kognitionen für sie den psychischen Grundkonflikt schlechthin dar. Der Verinnerlichung homophober Bilder, Gefühle und Kognitionen gehen früh in der Entwicklung erfahrene Verletzungen voraus. Dabei stellt das Fehlen von Vorbildern eine besondere Problematik dar, und vermittelt den gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen im Prä-Coming-out das Gefühl der Heimatlosigkeit und Einsamkeit.

Gleichgeschlechtlich empfindende Kinder werden mit zum Teil großer, unreflektierter Selbstverständlichkeit heteronormativ erzogen, was im Widerspruch zu ihrem Selbsterleben steht. Vielfach stimmt das psychische Erleben und Verhalten von sich lesbisch, schwul oder bisexuell entwickelnden Kindern nicht mit dem überein, was die Eltern typischerweise von einem Jungen oder Mädchen erwarten. Die Möglichkeit, eine eigene, nicht heteronormative, aber dennoch positiv besetzte Geschlechtsidentität zu entwickeln, ist in einem heteronormativen System massiv eingeschränkt. So entstehen schon in der frühen Kindheit bei Eltern und Kindern deutliche Irritationen. Auf diese Weise erleben die sich lesbisch, schwul oder bisexuell entwickelnden Kinder und Jugendlichen ein Gefühl von Heimatlosigkeit bzw. Fremdheit in der eigenen Familie, oder ein starkes Empfinden „nicht ganz richtig“ oder abnorm(al) zu sein.

Daraus ergibt sich, dass die Entwicklung eines Kindes in einem zentralen, identitätsstiftenden Bereich nachhaltig gestört wird. Um sein psychisches Gleichgewicht aufrechterhalten zu können, wird das Kind gezwungen, die eigene Homo- bzw. Bisexualität abzuwehren und zu verdrängen, sich also von seinen Gefühlen und Bedürfnissen abzuspalten. Die Folgen dieser Abspaltungsprozesse zeigen sich im Jugend- und Erwachsenenalter in verschiedensten Formen psychischer oder psychosomatischer Störungen, und/oder mangelndem Selbstwert.

Weiters besteht die Gefahr, dass sich gleichgeschlechtlich Empfindende, die antihomosexuelle Wertmassstäbe internalisiert haben, mit einem homophoben Aggressor identifizieren und in der Folge selbst homophob agieren. In der Projektion ihrer uneingestandenen „Schattenseiten“ attackieren sie in verbaler, aber auch in physischer Form andere gleichgeschlechtlich Empfindende – und damit letztlich sich selbst!

Heterosexismus ist ein Thema, welches sich für gleichgeschlechtlich Empfindende tagtäglich stellt, da sie sich ständig damit auseinandersetzen müssen, den heterosexuellen Rollenerwartungen nicht zu entsprechen. Vor einem Coming-out bedeutet dies eine stete Aushöhlung der eigenen Identität. Zwangsläufig werden sie heterosexistische Wertvorstellungen internalisieren, was sich im Endeffekt selbstdestruktiv auswirkt, da es ihrem psychischen Erleben schlicht widerspricht.

In diesem Zusammenhang kann man bei Lesben, Schwulen und Bisexuellen vor einem Coming-out von alltäglich erlebten Minitraumata sprechen, besonders wenn die Äußerungen nicht „nur" heterosexistisch, sondern eigentlich homophob sind, wenn also über das durch den heterosexistischen Inhalt vermittelte Nicht-Zugehörigkeitsgefühl zusätzlich abwertende Äußerungen gegenüber gleichgeschlechtlich Empfindenden vermittelt werden. Auf diese Weise verinnerlichen Lesben, Schwule und Bisexuelle nicht nur heterosexistische, sondern darüber hinaus auch antihomosexuelle Werte. Genau das stellt die Hauptproblematik im psychischen Erleben bei Lesben, Schwulen und Bisexuellen dar, und lässt so manche(n) verzweifeln: Junge gleichgeschlechtlich Empfindende haben ein 3-7mal erhöhtes Selbsttötungsrisiko. Schätzungen zufolge dürfte jeder dritte Freitod Jugendlicher auf Homosexualität zurückzuführen sein.

Gemäß einer Studie von Plöderl[4] (2004), ist das Selbstmordrisiko bei gleichgeschlechtlich Empfindenden in Österreich etwa sieben mal so hoch wie bei Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von einem gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen. Hauptursache ist eine mangelnde soziale Unterstützung, vor allem auch durch die eigenen Eltern. Über 90% aller Selbstmordversuche von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen werden im Alter zwischen 15 und 27 Jahren unternommen, also während des oft als sehr schmerzhaft erlebten Coming-out-Prozesses.

Letztlich stellt sich die Frage, wie gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen auf Basis von derartigen verinnerlichten, homophoben Bildern ein eigener, selbstbestimmter und individueller Lebensentwurf gelingen soll? Dazu ist das Erkennen der Tatsache, dass die sexuelle bzw. die GeschlechtspartnerInnenorientierung nicht unbedingt im Zusammenhang mit einem bestimmten Lebensentwurf stehen muss, unumgänglich.

Beispielsweise gestehen sich Lesben und Schwule mittlerweile einen Kinderwunsch zu und verwirklichen ihn, was für die heteronormative Gesellschaft immer noch kaum vorstellbar ist. Jedoch ist dieser Kinderwunsch für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen nicht an ihre sexuelle Orientierung gebunden. Ebenso wenig resultiert ein nicht vorhandener Kinderwunsch aus der Tatsache, dass gleichgeschlechtlich empfindende Menschen kein Kind zeugen können, sondern entspringt einer freiwilligen Kinderlosigkeit.

Die Tatsache zu erkennen, dass die sexuelle Orientierung in keinem Zusammenhang mit einem bestimmten Lebensentwurf steht, ist – sowohl für hetero- als auch für homosexuell empfindende Menschen – leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, und erfordert stets neu zu definierende Lebensentwürfe sowie eine mühsam erarbeitete, selbstbestimmte Positionierung und Behauptung in einer heteronormativen Gesellschaft.

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pointer.gif (173 Byte) Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation WHO Homosexualität aus ihrem Katalog der psychischen Krankheiten. Über 10 Jahre später rief der Sprachwissenschafter und Schwulenaktivist Louis-Georges Tin erstmals den 17.Mai zum „International Day Against Homophobia“ (IDAHO) aus. Auf seiner Homepage hat Tins Unterschriften aus über 35 Staaten gesammelt, um diesen Tag in den internationalen Kalender der Vereinten Nationen aufnehmen zu lassen, denn genauso wie der Weltaidstag am 1. Dezember soll er zu einem festen Termin werden, an dem gegen Homophobie mobil gemacht wird.

Ein Anlass zum Feiern, doch der Tag, der in über 50 Ländern weltweit begangen wird, soll kein zweiter Christopher Street Day werden. „Die jährlichen Gay-Pride-Demos betonen, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle stolz auf ihre Identität sind und sich deswegen nicht schämen wollen“, so Tins. Mehr noch: „Der Tag gegen Homophobie macht deutlich, dass Homophobie die eigentliche Schande ist und bekämpft werden muss.“


Literaturangaben: Rauchfleisch, U. (1994). Schwule, Lesben, Bisexuelle - Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Rauchfleisch, U. (2002). Gleich und doch anders - Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und ihren Angehörigen. Klett-Cotta. [1] Weinberg, G. (1972). Society and the healthy homosexual. New York: St. Martin's Press. [2] Bochow, M. (1993). Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland. In: C. Lange (Hrsg.). AIDS - eine Forschungsbilanz. Berlin: Edition Sigma. [3] Adams, H. E., Wright, L. W. & Lohr, B. A. (1996). Is Homophobia Associated With Homosexual Arousal? Journal of Abnormal Psychology, 105 (3), 440-445. [4] Plöderl, M. (2004). Sexuelle Orientierung, Suizidalität und psychische Gesundheit. Beltz PVU.

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